Affolter


Die Arbeit in der Einrichtung der Tagesstätte EFEU in Brixen, welche von der Sozialgenossenschaft Efeu geführt wird, richtet sich schwerpunktmäßig nach dem Affolter-Modell®. Die Entwicklung dieses Modells wurde vor über 30 Jahren von Dr. phil. Félicie Affolter und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in die Wege geleitet, indem sie u.a. in St. Gallen (Schweiz) die Institution „Stiftung Zentrum für Wahrnehmungsstörungen“ gründete. Das Modell wurde in den vergangenen Jahren immer wieder überarbeitet und wird auch heute weiterentwickelt. Es hat in der Zwischenzeit große Akzeptanz erfahren und wird an verschiedenen Schulen, Heimen, Therapiestellen und Kliniken vor allem in der Schweiz und in Deutschland angewendet.


Affolter-Modell® bedeutet zweierlei:

  • ein Entwicklungsmodell
  • eine daraus abgeleitete Therapiemethode



Das Entwicklungsmodell:

Über Jahre wurde das Interaktionsgeschehen bei gesunden Kindern und Erwachsenen sowie bei Menschen mit beeinträchtigter Entwicklung und mit auffälligem Verhalten beobachtet und analysiert. Der „Schweizerische Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung“(SNF) finanzierte während 10 Jahre mehrere Querschnittuntersuchungen und ein longitudinales Forschungsprojekt dazu.

Auf der Basis dieser Analysen war es möglich, allgemeingültige Aussagen sowohl zu gesunder als auch zu gestörter Entwicklung und auffälligem Verhalten zu machen. Daraus wurde ein eigenes Entwicklungsmodell erarbeitet. Die Hauptaussagen dieses Entwicklungsmodells lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

  • Entwicklung beruht auf einer Interaktion zwischen Person und Umwelt. Das heißt, das die Entwicklung einerseits durch die Aktivität der Person, andererseits durch die Menschen und Geschehnisse (Umwelt) beeinflusst wird
  • Interaktionsgeschehen begleitet den Menschen sein ganzes Leben lang. Wesentliche Bedingung für angemessene Interaktion ist die Fähigkeit, eigene Ziele zu verfolgen und mit auftretenden Problemen entsprechend umzugehen. Dabei sind Hypothesenbildung und eine entsprechende Organisation der Informationssuche, der Wechsel der Informationsart und deren Quelle notwendig.
  • Das taktil-kinästhetische System (das „Spüren“) hat durch seinen Stellenwert innerhalb der Interaktion und seine Beziehung zu anderen Wahrnehmungssystemen eine herausragende und führende Bedeutung für die Entwicklung des Menschen. Die Suche nach gespürter Information umfasst zwei Aspekte: zum einen die Informationssuche nach dem WO? Im Sinne von Wo bin ich? Wo ist meine Umwelt? Und zum anderen die Informationssuche nach dem WAS? Im Sinne von: Was geschieht?


Gespürte Interaktionserfahrungen innerhalb problemlösender Alltagsgeschehnisse werden als Wurzel der Entwicklung angesehen. Erst eine Ausweitung oder Neuorganisation der Wurzel ermöglicht ein Fortschreiten in der Entwicklung, d.h.: das Hervorbringen neuer Entwicklungsleistungen und –stufen.

Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass kein direkt –hierarchischer Zusammenhang zwischen einfacheren und komplexeren Leistungen, bzw. früheren und späteren Entwicklungsstufen besteht. In diesem Punkt unterscheidet sich dieses Entwicklungsmodell wesentlich von anderen Entwicklungsmodellen (z.B. Teilleistungsmodellen). Es wird vielmehr angenommen, dass die Leistungen bzw. Stufen in direktem Zusammenhang mit der Wurzel stehen.

So werden verschiedenste Störungen, angeborene wie erworbene (z.B. nach Schlaganfall und Schädel-Hirn-Trauma) in Bezug zur Gesamtentwicklung gesehen und aus dieser Sicht erklärt. Beispielsweise werden damit Störungen im sprachlichen Bereich, im (Wieder-) erwerb von Kulturtechnicken, oder bei Schwierigkeiten, die eine sinnvolle Bewältigung des Alltags nicht (mehr) zulassen, als Ausdruck von umfassenderen Störungen interpretiert. Diese werden als Störungen der taktil-kinästhetischen, intermodalen oder serialen Wahrnehmung stehen.



Die Therapiemethode:

Basierend auf diesem Entwicklungsmodell wird eine Therapiemethode vertreten, die den wahrnehmungsgestörten Menschen in der gespürten Informationssuche innerhalb problemlösender Alltagsgeschehnissen unterstützt.

  • Um solche Menschen zu einer besseren Wahrnehmungsorganisation und angemessenerer Hypothesenbildung zu verhelfen, werden Teile der zur Problemexploration und Problemlösung notwendigen Bewegungen „g e f ü h r t“ vollzogen. Geführt heißt, dass eine andere Person (Angehörige, Therapeuten, Lehrer etc.) mit dem Körper des Patienten Bewegungen so ausführt, dass gemeinsame Beziehungen zwischen Patient und Umwelt hergestellt und exploriert werden.
  • Dadurch können Informationen entstehen, die es dem Patienten ermöglichen, seine Informationssuche sowohl zum Geschehen (WAS) als auch zur Position seines Körpers in der Umwelt (WO) angemessener zu organisieren.
  • Oft ist es sinnvoll und notwendig, diese Therapie in der vertrauten Umgebung zu Hause (Alltag) durchzuführen.
  • Aus der Erfahrung, dass die Angehörigen das Kind / den Erwachsenen am besten kennen und auch den Alltag am intensivsten in die tägliche Arbeit mit einbeziehen können, wird großer Wert darauf gelegt, dass die Angehörigen an der Therapie teilnehmen. Hier werden Sie für die Arbeit mit dem Kind / dem Erwachsenen zu Hause angeleitet.
  • Die Zusammenarbeit mit den Eltern / Angehörigen beruht auf einer partnerschaftlichen Beziehung, in welcher Vertrauen wachsen und gepflegt werden soll


Die Methode findet Anwendung bei:

  • Entwicklungsauffälligen Babys und Kleinkindern
  • Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache, der Motorik und bei kombinierten Störungen
  • Schulkindern mit Lernschwierigkeiten
  • Jugendlichen mit Schwierigkeiten in der beruflichen Eingliederung
  • Tiefgreifenden Entwicklungsstörungen (z.B. Autismus, Rett-Syndrom)
  • Patienten mit erworbenen cerebralen Schäden (z.B. Schädel-Hirn-Trauma, Schlaganfall)
  • Älteren Menschen mit dementiellem Sydrom (z.B. Alzheimer)


(Quelle der Angaben „ Das Entwicklungsmodell“ und „Die Therapiemethode“ : aus der Dokumentation der Stiftung Zentrum für Wahrnehmungsstörungen, Florastrasse 14, CH-9000 St. Gallen)